Bin ich schön?

 

Eine Frage, die ich mir – so wie vielleicht jeder Mensch – immer mal wieder stelle.

 

Doch was ist Schönheit?

 

In diesem Jahr machte ich eine besondere Erfahrung.

 

Und sie sah so aus:

 

 

 

 

 

Ich wachte im April, an einem Samstagmorgen gegen 6 Uhr, am ersten Tag meiner neuen Yogalehrerausbildung, S O auf.

Das Gesicht warm, gespannt, geschwollen, voll und schon ziemlich anders als sonst.

Der Blick in den Badezimmerspiegel erinnerte mich an die Schöne und das Biest. Kati, das Biest (o ja, mein Adriaan kennt mich natürlich auch als das ;).

Mein erster Gedanke: So kann ich nicht auf die Straße gehen. Der Zweite: So kann ich auf keinen Fall zum Ausbildungswochenende gehen. Tränen treten mir in die Augen. Seit 6 Jahren möchte ich diese Ausbildung machen und nun soll ich wegen eines heißen, roten, geschwollenen Gesichtes nicht zum Beginn dabei sein?

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns hilft zu leben ….

Wirklich?

Ich gehe zu Adriaan, der noch gemütlich schläft. Lege mich still neben ihn und mir laufen die Tränen.

Adriaan wird langsam wach.

Ich überrolle ihn mit meiner Gefühlswelle.

„Schau mich an, ich kann so nicht auf die Straße, ich kann so nicht zur Ausbildung gehen. Ich bin so traurig. Ich habe mich so sehr darauf gefreut. “

„Bist du dir sicher, dass du nicht gehen willst?“

Puh, na das ist `ne Frage. Die Tränen versiegen.

 

Ich laufe zurück ins Bad mit dem Telefon in der Hand. Setze mich in den Korbsessel. Rufe eine Lehrerin des Ausbildungsteams an.

Während ich ihr mein Dilemma erkläre, beginne ich zum ersten Mal an diesem Morgen langsam in meinen Körper hinein zu spüren. In all meinem gefühlswelligen Drama ist da jedes Spüren für das, was da auch noch da ist, verloren gegangen.

Ich stelle erstaunt fest, dass es mir gut geht. Keine Schmerzen nirgendwo. Keine Übelkeit. Ja, meinem Körperchen geht es gut. Keine Schwäche – im Gegenteil viel Kraft.

Kann ich wirklich nicht zur Ausbildung gehen?

„Kati, du kannst es ja versuchen (Mmh, sie hat natürlich wirklich überhaupt keine Ahnung wie ich aussehe!!!) und wenn es nicht geht, fährst du eben wieder.“

Trotz laut widersprechender Gedanken in meinem Kopf erreichen mich ihre Worte dort, wo das Denken nicht hingelangt, dort wo die Freiheit lebt. Eine Freiheit, die sich nicht an Äußerlichkeiten klammert. Eine Freiheit, die sein lässt was da ist.

Ich lege auf.

Stehe auf.

Gehe auf den Balkon.

Atme.

Geh zurück ins Badezimmer.

Setze mich wieder in meinen Sessel.

Sammle mich.

Stille mich.

Atme.

Über die ganze Länge meines Atemzuges.

Ein und aus.

Atmen.

5 Minuten. 10. 15.

Nur Atmen.

Die Füße spüren, meine Beine, den Po, die Arme, den Kopf, meine Gesicht. Heiß und dick.

Immer weiter Atmen. Nur das. Atmen.

Den Atem fühlen.

Überall.

 

Die Gedanken, all das Wirbeln kommen zur Ruhe.

 

 

Langsam.

 

 

Und dann ist es plötzlich klar:

 

Ich sehe anders aus als sonst.

Mehr ist es nicht

.

 

 

Plötzlich weiß ich was ansteht!

Ich wasche mich, esse eine Kleinigkeit, ziehe mich an.

Verabschiede mich vom sichtlich überraschten Adriaan.

 

Ja, ein Neubeginn.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne …

Ja!

 

Auf der Straße bin ich scheu.

Bemerke das Bemühen, mein Gesicht zu verstecken, beim Laufen entgegen meiner Gewohnheit nach unten zu schauen.

Noch mehr Wärme steigt in mir auf, verbunden mit schamhaften Gedanken.

 

Im Auto fühlt es sich sicher an. Niemand sieht mich. Ein kleiner Schutzraum für 50 Minuten Autofahrt.

 

Ich atme.

Und lasse immer wieder los.

Beobachte die Gefühle von Scham und Peinlichkeit, beobachte ein Vorauseilen der Gedanken hin zur Gruppe und was die wohl denken werden. Bemerke wie sich der Körper immer wieder zusammenzieht, ich mich klein mache. Und richte mich ganz bewusst auf.

Bewusst groß werden, bewusst weit werden. Den Blick gerade nach vorne gerichtet. Die Schultern nicht mehr hochziehen, immer wieder sinken lassen, den Herzraum heben.

Mich aufrichten. Mich ausrichten.

DaSein mit allem was da ist.

Ein rotes, dickes Gesicht.

Mehr ist es nicht.

 

 

 

Ich komme zu spät.

Meine Entscheidungsfindung hat viel Zeit gebraucht und ich habe auch absichtlich getrödelt. So unter 20 Fremden zu sein, ist schon herausfordernd.

20 neue Menschen und ein Mensch mit rotem Kopf dabei ;).

 

Für mich ist ein freier Platz in der Ecke reserviert.

Immer wieder ermutige ich mich, den Blicken nicht auszuweichen, groß zu bleiben ohne mich aufzuplustern. Mit diesem neuen Aussehen meine Mitte finden, die Mitte zwischen mich ängstlich-schamhaft-scheu-klein-machen und einem kämpferischen Aufplustern, a´la ihr könnt mir alle mal.

 

Und dann ist er da, der Neubeginn, der Anfang, der Zauber …

 

.  Ich übe  .

 

Übe in mir versunken meine Asanapraxis. Angeleitet durch einen sehr erfahrenen Lehrer, hilft mir dieser besondere Anfang, still und völlig hingegeben an mich selbst, Yoga zu üben. Zurück zum Körper spüren mit all seinen Details. Atmen. Beobachten. Wahrnehmen. Aufrichten. Ausrichten.

Alles fließt.

Die Kraft. Die Stille. Das Zuhören. Die Präzision im Üben. 

 

Ich bin wieder da.

Ganz da

und alles ist gut

 

Unter meinem veränderten Aussehen, weit hinter all den Gedanken und all den aufgewirbelten Gefühlen ist alles gut. Da wohnt die Stille, die Klarheit, das Sein.

 

Da wohnt das, was unveränderlich ist.

Da wohnt die Schönheit

 

 I m m e r 

 

und bei   j e d e m  Menschen

 

 

 

 

 

 

 

… wie es weiter ging?

Nach zwei Tagen war die Schwellung deutlich gewichen.

Nach einer Woche war alles verschwunden.

 

… was geblieben ist?

 

Geblieben ist die Einsicht, dass die Schönheit auch in meinen Gedanken wohnt, in meinen Gefühlen und sie sich ausdrückt in den Augen.

 

Und sie zeigt sich in ihrer ganzen Fülle, wenn das Urteilen und das Bewerten, wenn der Zweifel zur Ruhe kommt. Wenn ich mich und andere und das Leben mit allem was da ist, Sein lassen kann.

 

Dann lebt die Schönheit in mir, egal wie ich aussehe.