Was tröstet mich?

 

In diesen grauen Herbsttagen fragte mich eine meiner ganz ganz nahen Frauen, was mich in Zeiten von Erschütterung, Traurigkeit, Schmerz und Sehnsucht trösten würde? Sie fragte mich das in einem Moment großer eigener gesundheitlicher Lebenserschütterung, in dem Wissen, dass ihr Vater, der ihr seit ihrer Kindheit  i m m e r   in jeder (über)fordernden Lebenssituation mit Trost zur Seite stand, als Mensch der er einmal war und sich aufgrund seiner Demenz verwandelt, verändert und sein bisheriges Sein verliert, nicht mehr da sein kann, nicht mehr da ist mit ihr. 

„Also was tröstet dich wirklich. Auch wo du soviel gibst, dir anhörst und wieder gibst. Was wärmt dich im Herz?“

Und nach einem in mich Gehen kamen diese Worte an sie. 

 

* * * 

Was mich tröstet. 

Was mich tröstet, sind tatsächlich andere Menschen. Im meinem Fall ist das der Austausch mit dir in den Momenten wo ich wirklich Trost brauche. Dass da jemand ist der mich erfasst, ein Mensch der sich einlässt auf mich, auf das was ich spürend-fühlend erzähle und wo ich merke, dass aus dem Herzen gesprochene oder geschriebene Worte mich erreichen. 

Und das bist du. 

Das ist meine Tante.

Das sind einige ganz nahe Frauen. 

Das ist manchmal Adriaan. 

 

Was mich tröstet ist das Innehalten, wenn ich den Atem verloren habe. 

Also wenn ich wirklich Trost brauche, verliere ich zunächst meist die Verbindung mit meinem Atem und dadurch mit dem alles durchdringenden Leben. Was mir hilft ist Innehalten, mich spüren, mir des Atems in mir wieder bewusst werden und wieder alles wahrnehmen: wieder hören, wieder sehen, wieder schmecken, wieder riechen. Spüren. 

Den Körper spüren und es entblättert sich der Moment, in dem ich wieder ganz in mir lande. 

Innehalten. 

Verinnerlichen. 

Mich spüren. 

Und plötzlich bin ich wieder ganz wach. 

Ja, das ist oft so ein Moment von Trost. 

 

Mich trösten Spaziergänge am ganz frühen Morgen oder auch in der Dunkelheit am Abend oder zu jeder Zeit, unten am Fluss.

Mich tröstet es zum Fluss zu gehen, mich dort am Ufer auf die vielen kleinen Steine zu setzen und auf das ruhig dahin fließende Wasser zu schauen. Lange. Dann werde ich ganz ruhig, es kommt die Stille zu mir und ich fange an durchzuatmen. Die Schultern sinken und ich sitze nur da, sitze in dieser Schönheit, die dann plötzlich wieder erlebbar wird. Ja, das tröstet mich. 

 

Manchmal tröstet mich ein gutes Buch. 

Oder eigentlich eher einige Sätze, Textstellen. Zitate.

Briefe trösten mich. 

Briefe ausgetauscht zwischen Menschen längst vergangener Zeiten. 

Briefromane.
Kann man einander näher sein im Geist und im Herzen als in Briefen?  

Und Gedichte. 

Oder aber Lieder.

Ja. Lieder. 

Die Musik ist seit zwei Jahren wieder neu entdeckend eine große große Trösterin für mich geworden.

 

Klang. 

 

Lieder von Taizé. 

Atme in uns heiliger Geist

Es ist so ein enormer Trost für mich, dieses Lied zu hören. 

 

Weil: 

 

Die Vipassana-Praxis ist im Urgrund Atempraxis. 

Atembewusstsein. 

Yogisch Atman. Atem. Amen. Be*amen. 

Und wenn ich dieses Lied höre, werde ich Atem und bin so getröstet und egal was ist, ich werde zu einem großen ja. 

Amen. Be*amen. 

Ja. So unglaublich getröstet. 

Es tut mir so gut dieses Lied. 

In manchen, tief schneidenden Lebenssituationen hörte ich es mehrere Stunden immer wieder wie aneinandergereiht. Jeden Ton erfahrend. Klang. Weite. Raum. Wenn das Cello beginnt zu spielen … ohne Worte … 

Irgendwann ist da nur noch Frieden. 

 

Oder Ayub Okada mit Kothbiro

Er singt sinngemäß: 

Oh Mutter 

Wenn du mich hören kannst 

Der Regen kommt

Bringe das Vieh nach Hause. 

Den Klang, seine Worte empfinde ich in ihrer Schlichtheit als einen so großen Trost. 

Und ich werde ganz still. Andächtig. Bin ein kleiner Punkt der Liebe inmitten von vielen kleinen Punkten Liebe. 

 

Anouar Brahem mit seiner Oud mit diesen so vielfältigen Klängen und Stimmungen ist oft so ein großer Trost für mich.

Dann wird mir warm und weit zugleich.  

Jetzt im Herbst höre ich gerade sehr oft dieses: 

Astrakan Cafe

 

Und es gibt viele Lieder mehr die mich trösten …

Ja. 

 

Und eine Badewanne tröstet mich.

Ja. 

Ein warmes Bad. 

Eine Kerze die flackert..

Baden. 

In feinsten Tropfen Öl der schwarzen Rose. 

Baden tröstet mich. 

Der Duft tröstet mich. 

Das warme Wasser. Das Eintauchen. Untertauchen. 

Mich gehalten treiben lassen. 

Ja. 

 

Aber am allermeisten trösten mich die passenden warmen, gesprochenen oder geschriebenen Worte eines anderen Menschen, Worte im genau richtigen Moment.

Eine lange Umarmung, die keiner Worte bedarf.  

Oder das Lachen eines Kindes. 

Oder wenn ich mitten im Schmerz des Herzens, tief in eine Momentaufnahme hinein erlebe.

Ja. Wenn ich den Moment erfahre, so ganz rein und klar mit allem, dann bin ich getröstet, das verbindet mich sehr sehr stark mit allem. In mir und um mich herum. Eins. 

 

Ja.  

 

Manchmal ist es das Essen, das mich tröstet.

Essen ganz bewusst gekocht für mich in diesem Augenblick. 

Die Entscheidung „Ich koch mir jetzt einen Grießbrei.“ 

Mit wärmenden Gewürzen. Ghee & Kardamom. Datteln & Nüssen. Ein bisschen Rosenwasser. 

Ja, ganz in Ruhe für mich selbst kochen. Ganz bewusst genossen. 

Den Duft. Die Wärme. Das wohltuende sich Ausbreiten in mir. 

Das Zurücksinken.

Die Sorge für mich wie eine Mutter. 

Dann ist der Griessbrei wirklich Trost und Geborgenheit schenkend.

 

Ja. 

 

Manchmal ist es der Kerzenschein. 

In der Dunkelheit sitzen und in die Flamme der Kerze schauen. 

Auch etwas was mich tröstet. 

 

Oder:

Zur Zeit gibt es auch als Trost erfahrene Momente, wenn ich schreibe. 

Ich erfüllte mir im September einen seit 33 Jahren in mir wohnenden Wunsch. Ich belegte einen einführenden Kalligraphiekurs. Und jeden Abend und manchmal auch morgens oder auch zwischendurch sitze ich am Küchentisch und schreibe Worte mit meiner Feder. Worte des Tages. Schöne Sätze. Worte die andere sagten, Quatschgedanken oder Gespräche mit mir selbst aus dem Moment geboren. Das schenkt mir soviel Trost und Frieden auch in wackeligen Momenten. 

 

Und es tröstet mich, in Kirchen zu sitzen. 

Ach was bin ich gern in Kirchen. 

Und ich liebe kleine Kapellen. 

In Cottbus, meiner Heimatstadt, nah am Branitzer Park, gibt es eine minikleine Marienkapelle aus Holz. 

Als ich so ganz schwere Zeiten erlebte, mit all den Fehlgeburten und dem überbordenden Gefühl völlig allein auf der Welt zu sein, dem Gefühl ich sei die einzige Frau, die keine Kinder hat und ich werde als einzige Frau nie Kinder haben, ich werde immer ohne eigene Familie sein, in diesen Zeiten der Schwere dann dort, in der kleinen Kapelle so umhüllt zu sitzen, in der Stille zu sein, den Weihrauchduft zu atmen, eine Kerze anzuzünden, ach, das hat mich so oft getröstet. Wobei ich natürlich trotzdem allein war, aber ich war geborgen, hatte das Gefühl ich bin geborgen in dieser umhüllenden kleinen Kapelle mit allem was sie an Verbindung ins Mehr hinein schenkt. Sie ist wirklich miniklein und so ein wichtiger Ort für mich.

Ja. Ein Ort des Trostes. 

 

Ja, und oft bist du das. 

Nicht, weil du vorhast mich zu trösten, sondern weil du einfach mitfühlst. 

Mitfühlende Menschen. 

Ja, mitfühlende Menschen, aber nicht die, die so klebrig mitfühlen und fast hineinfallen in mich bei all ihrem ins Mitleid verzehrte Mitfühlen, sondern die, die einfach nur da sind mit ihrer ruhenden Präsenz. Einem Blick. 

Mit Worten, die aus der Stille erscheinen, aus der Liebe erwachsen, aus dem Sehen, aus dem tiefen Wahrnehmen, nicht aus dem Denken.  

Als klar war, dass Petra sterben würde und ich, nach dem wendenden Telefonat mit ihr, zurückging in dem Meditationssaal, sah Adriaan sofort was war. Ich setze mich neben ihn vor die Gruppe von 20 Menschen und er legte ohne ein Wort einfach nur seine Hand warm auf mein Knie. In dieser Hand war soviel Verstehen und daSein und Trost. 

Soviel Trost in diesem Moment. 

 

Ja. 

Eine beruhigende Hand. 

Ein Blick.  

Manchmal ist es wirklich ein Blick der sieht.

Ein Blick, der mich sieht. 

Ich spüre: dieser Mensch sieht mich. 

Und diesen Blick zu spüren, das ist Trost.

Für mich. 

 

Ja. 

 

Meine Decken trösten mich.

Ich besitze mehrere Decken. Gehäkelt von meiner Großmutter und einer meiner Yogaübenden, gewebt von meiner Li an ihrem alten Webstuhl im Blauen Haus bei Bayreuth. 

Die Geborgenheit dieser Decken zu spüren, die Wärme, das Wissen aus welchen Händen sie kommen, durch welche Hände sie entstanden, das tröstet mich.

 

Und meine Küche tröstet mich. 

Als ich im Mai hier in Dresden in meine Wohnung zog und sie sich langsam unter meinen Händen zu meinem Reich verwandelte, war das letzte die Küche. Ich liess mir wirklich viel Zeit, alles ganz langsam aus sich selbst heraus entstehen zu lassen.

Geleitet von dem Gefühl einer warmen Umarmung mit viel Raum dazwischen.
So sollte die Küche werden. 

Eine warme Umarmung. 

Geborgenheit schenkend. Halt. Liebe. Und Raum. 

Und so ist sie geworden. 

 

Ja. Meine Küche tröstet mich. 

Ich verbringe viel Zeit in der Küche. 

Hier zu sitzen und zu schreiben, jetzt, beschenkt mich.

Jetzt gerade ist die sinkende Geborgenheit des Herbstes intensiv spürbar und das kleine Loch in meinem Herz, dass ich meist, mal mehr mal weniger groß, bei Abschieden spüre (heute fuhr eine nahe Frau nach einigen innigen Tagen zurück in ihre Stadt) findet Ruhe im Schein der Kerze, die still vor sich hin flackert. 

Hier am Küchentisch.

Bei umgestellter Winterzeit.  

Sonntagnachmittag. 

Grau und dunkel ziehen die Wolken. 

Feine Tropfen schweben vom Himmel.

Sie trösten mich.